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Saarbrücker Zeitung, 16.3.2001: Votum für die Geschichte

16.3.2001

Votum für die Geschichte

Ratssitzung: Stadt kauft Standort der mittelalterlichen Martinskirche am „Alten Brühl“ zurück – Von DORIS DÖPKE –

Völklingen. Zahlreich sind sie nicht, die Demonstranten vor dem Neuen Rathaus – gut ein Dutzend Menschen stehen da, halten Transparenten hoch, plaudern miteinander, geben neugierigen Passanten Auskunft: Vor der jüngsten Sitzung des Stadtrats hält die Bürgerinitiative (BI) „Alter Brühl“ Mahnwache. Noch einmal ein dringlicher Appell – die Kommunalpolitiker sollen nicht zulassen, dass die eben ausgegrabenen Reste der mittelalterlichen Martinskirche mit einem „Lidl“-Discountmarkt überbaut werden, die Stadt soll das Grundstück zurückkaufen. Aber ein bisschen ist aus dem Protest die Luft raus. Denn die Demonstranten wissen, dass sie die Stadtverordneten nicht mehr überzeugen müssen; beide Ratsfraktionen haben beantragt, die Sitzungs-Tagesordnung zu erweitern – SPD wie CDU wollen die Rückabwicklung des Grundstücksgeschäfts, sind bereit, die dafür nötigen 1,7 Millionen Mark in den Nachtragshaushalt 2001 einzustellen, dessen Beratung ohnehin ansteht.

Stolz kommt vor der Sitzung CDU-Fraktionsvorsitzender Gerhard Scherschel aus dem Rathaus, einen Brief in der Hand, und gratuliert den Bürgern draußen auf der Treppe: Der Umweltminister habe schriftlich bestätigt, dass das Land – vorausgesetzt, die Stadt kauft das Grundstück zurück – die Kosten übernehmen werde für die wissenschaftlichen Ausgrabungsarbeiten am „Alten Brühl“, für die Konservierung der Funde und ihre spätere öffentliche Präsentation. So klar, wie Scherschel es interpretiert, lässt sich die Hilfsbereitschaft des Landes dann aber doch nicht aus dem Brief herauslesen. Darauf weist nachher, drinnen, Bürgermeister Fritz Diehl hin, der in Vertretung des erkrankten Oberbürgermeisters Hans Netzer die Ratssitzung leitet. Fest zugesagt hat der Minister einzig die Finanzierung der Grabung, im Hinblick auf Konservierung, Schutzbauten und Umfeldgestaltung hält er sich bedeckt, nennt als mögliche Geldquellen zum Beispiel Töpfe für Städtebau- und Tourismusförderung – und solche Mittel kann die Stadt nur einwerben, wenn sie selbst einen Teil der Gesamtkosten übernimmt (ein Drittel bei der Städtebau-, 30 Prozent bei der Tourismusförderung). Also werden doch, wie von OB Netzer im Vorfeld befürchtet, Folgekosten an der Stadt hängenbleiben. Aber eben bei weitem nicht in der befürchteten Höhe. Und so ändert sich nichts an der parteiübergreifenden Einigkeit. Je weiter die Ausgrabung voranschreite, begründet SPD-Chef Volker Reitler das Votum seiner Fraktion für den Grundstücks-Rückkauf, desto deutlicher werde die Bedeutung des Denkmals für Geschichte und Kultur der Stadt sichtbar; „diese Ausgrabungen müssen es uns wert sein, dieses Geld zu investieren.“ Und CDU-Fraktionsvorsitzender Gerhard Scherschel sagt, das Denkmal sei „für die Identität der Völklinger so wichtig, dass ökonomische Überlegungen dahinter zurückstehen müssen“. Einstimmig wird der SPD-Antrag angenommen, die für den Rückkauf des Grundstücks nötigen Mittel in den Nachtragshaushalt einzustellen – der CDU-Antrag, über eben jenes Thema in nichtöffentlicher Sitzung zu beschließen, hat sich damit erledigt. Nun also kann neu nachgedacht werden über die historische Stätte. Wobei ein Satz Reitlers im Ohr bleibt, sicher auch bei den zahlreichen Zuschauern: „Wir werden uns, was die weitere Finanzierung anlangt, immer wieder an das Land erinnern“ . . .

Das Publikum ging heim; nach dieser ersten Abstimmung waren die Stadtverordneten mehr oder weniger unter sich, arbeiteten den Rest der Tagesordnung ab. Mit dicken Brocken dabei. Der „Städtebauliche Rahmenplan ,Unteres Wehrden“ “ mitsamt dem zugehörigen „Integrativen Handlungskonzept“: einstimmig angenommen. Änderungen des Stellenplanes, zweite Runde: Nachdem das Paket bei der ersten Abstimmung im Dezember wegen einer Abstimmungs-Panne bei der SPD-Fraktion „durchgefallen“ war, erhielt es nun mit einer Stimme Mehrheit – gegen die Stimmen der CDU – den Stadtrats-Segen. Und schließlich, beim Thema Nachtragshaushalt, gab es eine Premiere, wie CDU-Chef Scherschel betonte: Nicht nur die SPD-Mehrheitsfraktion, auch die CDU-Opposition sagte „Ja“. (Weiterer Bericht aus der Ratssitzung folgt.)