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Saarbrücker Zeitung 17./18.2.2001: Führung geriet fast zur Demonstration

Saarbrücker Zeitung Newsline: 17/18.2.2001

Führung geriet fast zur Demonstration

Bei der Besichtigung der Ausgrabungen am Alten Brühl machte mancher seinem Unmut Luft

Völklingen (kü). Manche glauben, eine Zeitreise in die Vergangenheit sei nur in Zukunftsromanen möglich. Aber so eine Zeitreise funktioniert tatsächlich: Ab sofort kann man freitags ab 15 Uhr am Alten Brühl hören und sehen und anfassen, was in vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden hier „Völklingen“ war. Über hundert Menschen waren gestern zur ersten Führung gekommen, und sie kamen nicht nur, um zu sehen und neues Altes aus der Geschichte Völklingens zu erfahren. Man diskutierte, man überlegte gemeinsam, wie dieser Fundort gerettet werden könnte; denn wenn kein Wunder geschieht, wird ab ersten März auf diesem Platz ein Lidl-Markt gebaut. Auf einer großen Schautafel waren mit unterschiedlichen Farben die jeweiligen historischen Funde markiert. Ein Völklinger warb mit dem Vorschlag, den Supermarkt-Bau zu akzeptieren, diesen aber zu unterhöhlen und darunter weiter auszugraben; durch einen Treppenabgang könnten die Ausgrabungen weiter zugänglich sein. Ein anderer Besucher versicherte, er werde ein Schild aufstellen mit der Information, hier unter dem Laden sei Völklingen begraben. Trauer und Wut stand in den Gesichtern, ein betttuchgroßes Plakat wurde aufgestellt: „Ist am Aschermittwoch wirklich alles vorbei?“

Einen Überblick über den Stand der Notgrabungen gab Sabine Donié, Archäologin und freie Mitarbeiterin des Landeskonservatoramtes. Von Ost (aus Richtung Karolinger Straße) nach West stieß man immer tiefer in die Vergangenheit vor, wobei sich die Funde nicht nebeneinander befinden, sondern aus Drauf- und Anbauten, aus späterer Nutzung vorhandener Mauern und aus verschiedenen Bauphasen ergeben. Der alten Kirche (erbaut 1883) schließt sich ein barocker Bau von 1737 an, der urkundlich durch Handwerkerrechnungen bekannt war. Östlich davon fand man Reste eines Langhauses, einer sogenannten Saalkirche (auf einem noch älteren Fundament) aus dem 15. Jahrhundert, dabei drei Fußbodenschichten, teilweise aus dem Hochmittelalter (13. Jhdt.). Das angrenzende Turmfundament ist mindestens 800 Jahre alt – mehr weiß man noch nicht. Aber wahrscheinlich befindet sich unter dem Turm ein noch älteres Fundament. „Dieser Übersichtsplan ist jetzt schon wieder überholt“, sagt Donié, denn mit neuen Überraschungen ist täglich zu rechnen. Neuester Fund: Bronze-Beschläge aus der Karolinger-Zeit, also etwa 8. Jahrhundert. Außerdem stießen die Grabungsleiterin und ihr Team südlich der Kirche auf drei hochmittelalterliche Sandsteinsarkophage mit Kopfnische, woraus man schließt, dass hier drei wichtige Persönlichkeiten bestattet wurden. Sabine Donié: „Bei diesen Notgrabungen wird leider manches zerstört. Dürften wir wissenschaftlich-sorgfältig weiterarbeiten, benötigten wir etwa ein bis zwei Jahre.“