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Saarbrücker Zeitung, 24./25.02.2001: Eine Chance für die Königs-Kirche

Saarbrücker-Zeitung Newsline vom 24/25.2.2001

Eine Chance für die Königs-Kirche

In Völklingen bauten die Karolinger das erste Gotteshaus an der Saar – Firmen-Großzügigkeit macht Erforschung möglich

Bürger protestierten in Völklingen gegen Pläne, einen Discountmarkt über Resten einer karolingischen Kirche zu bauen. Jetzt macht Firmen-Großzügigkeit den Weg frei zur Erhaltung des Denkmals.

Irgendwo nebenan war vor 1200 Jahren die Schaltzentrale der Macht: ein Königshof. Genau vor uns befand sich das zugehörige Gotteshaus, Fundamente und Mauern sind noch da. Auch der Fußboden – auf den Steinplatten unter unseren Füßen standen zur Franken-Zeit gekrönte Häupter. Hier, das heißt: in Völklingen, an der Straße „Im Alten Brühl“.

Bis vor zwei Wochen waren sich die Archäologen, die dort seit November im Auftrag des Landeskonservatoramtes die mittelalterlichen Reste freilegen, nicht sicher, ob die Kirche schon aus karolingischer Zeit stammt – „12. Jahrhundert oder früher“ lautete da noch die mit wissenschaftlicher Vorsicht abgefasste Datierung. Neue Funde gaben Gewissheit, etwa eine Gürtelzunge und eine verzierte Nadel aus Bronze, nach Ansicht der Saarbrücker Archäologie-Professorin Frauke Stein im zweiten Drittel des 9. Jahrhunderts hergestellt. Stein schreibt über die Reste der Völklinger Kirche, die zuerst St. Martin gewidmet war: „Die karolingische Martinskirche ist nicht nur eine der wenigen nachgewiesenen Kirchen aus dieser Zeit im Saarland, sondern in ihrem Kontext von besonderer Bedeutung. Eine Erhaltung des Bodendenkmals in möglichst großem Umfang ist deswegen für die Geschichte des Saarlandes von besonderer Bedeutung.“

Klingt einfach. Ist schwierig. Das hat mit der Geschichte des Ortes zu tun. Eine jüngere Kirche an gleicher Stelle, im 19. Jahrhundert errichtet, ging 1922 in Flammen auf. Am selben, durch Bahngleise und Industrie eingezwängten Platz mochte die evangelische Gemeinde nicht neu bauen, ein Grundstückstausch mit der Stadt Völklingen verschaffte ihr im Zentrum den Bauplatz für die heutige Versöhnungskirche. Die Stadt wiederum verkaufte das Gelände am Alten Brühl vor gut eineinhalb Jahren an eine Investor-Firma, die dort einen Lidl-Discountmarkt errichten wollte. Und weil zu jener Zeit die Historie des Ortes bei Stadtverwaltung und Stadtrat nicht in den Köpfen war, ging das Grundstücksgeschäft seinen Gang. Eine Baugenehmigung wurde erteilt, mit nur moderaten Auflagen des Landeskonservatoramtes. Als dort aber ein Jahr später die Baupläne vorlagen, veranlasste Landeskonservator Johann Peter Lüth erst einmal archäologische Sondierungs-Grabungen. Denn der Markt sollte exakt über den historischen „Bodenschätzen“ entstehen; starke Abtragungen der „Kulturschicht“ hätten die im Boden verborgenen Reste des Friedhofs und der Kirche vollständig zerstört.

Die Grabungen bestätigten, was die Denkmalschützer vermutet hatten – man handelte mehr Zeit fürs Erforschen der Stätte aus und Veränderungen der Baupläne. Nach diesem Kompromiss wären die mittelalterlichen Boden-Dokumente erhalten geblieben, jedoch durch das Markt-Gebäude versiegelt, weiterer Erforschung und dem Blick der Bürger auf Jahrzehnte entzogen.

Das wiederum rief Bürger-Proteste wach. Verschiedenste politische und gesellschaftliche Gruppierungen plädierten dafür, die „archäologische Bibliothek“ (so das Presbyterium der Versöhnungskirchengemeinde) nicht nur zu bewahren, sondern auch für Wissenschaft und Öffentlichkeit zugänglich zu erhalten. Unterschriften-Sammlungen begannen, eine Bürgerinitiative formierte sich. Hinter den Kulissen wurde weiter verhandelt. Doch alle Kompromissvorschläge hatten für irgendeinen der Beteiligten irgendeinen Haken; es sah aus, als würden, wie zunächst vereinbart, am 1. März die Bau-Bagger anrollen.

Montag: neue Verhandlungen, das Umweltministerium hatte sich als Vermittler eingeschaltet. Wochenmitte: Gespräche zwischen Umwelt-Staatssekretär Rainer Grün und dem Friedrichs~thaler Lidl-Verantwortlichen Wilfried Simon. Donnerstag: Die Völklinger „SZ“-Lokalredaktion schickte ein Fax an die Neckarsulmer Zentrale des schweigsamen Konzerns Lidl, ins Büro des ehemaligen Alleininhabers. Freitag: Kompromissvorschläge aus Friedrichsthal – Lidl und der Investor sind bereit, aufs Baurecht zu verzichten und den Grundstücks-Handel rückgängig zu machen, gegen Erstattung des Kaufpreises und der bisherigen Kosten. Ersatz für entgangenen Gewinn wollen beide Unternehmen nicht fordern.

Eine großzügige Geste. Jetzt sind die Stadt Völklingen und das Land am Zuge. Landeskonservator Lüth jedenfalls freut sich über die neuen Chancen: Am Völklinger „Alten Brühl“, sagt er, liege „die wichtigste Kirchen-Grabung im Lande seit 30 Jahren“. DORIS DÖPKE