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Saarbrücker Zeitung, 24./25.02.2001: Zeit zum Reden, Zeit zum Rechnen

24./25.02.2001

Zeit zum Reden, Zeit zum Rechnen

Neues vom „Alten Brühl“: Lösungen für karolingische Kirchen-Reste möglich — Lidl gewährt Aufschub für die Ausgrabung

Es tut sich was am „Alten Brühl“, im Konflikt zwischen Neubau-Plänen und Denkmal-Erhaltung: Die Firma Lidl ist bereit, auf den Discountmarkt an diesem Ort zu verzichten.

Völklingen (dd). Wieder freitägliches Gedränge an der Straße „Im Alten Brühl“: Auch zur zweiten Führung über die Grabungsstätte, an der Mitarbeiter des Landeskonservatoramtes die Reste der mittelalterlichen Völklinger Martinskirche freilegen, sind mindestens 100 Menschen erschienen; die Archäologin Dr. Sabine Donié braucht ein Megaphon, damit ihre Erläuterungen bei den Besuchern auch ankommen. Und die Völklinger, die hier mehr erfahren wollen über die Früh-Geschichte der Stadt — viele junge Leute und Familien mit Kindern sind darunter — kriegen dieses Mal nicht nur Fachliches zu hören. Landeskonservator Johann Peter Lüth hat Neuigkeiten mitgebracht: Die Firma Lidl, die auf dem Gelände einen Discountmarkt errichten wollte, hat am Freitag gleich zwei verschiedene Kompromissvorschläge angeboten — der eine würde erlauben, das Denkmal teilweise von Überbauung frei zu halten, dem zweiten zufolge würde Lidl völlig verzichten auf den Neubau. Beifall am Bauzaun. Und Nachdenklichkeit, als Lüth an den Bürgersinn der Völklinger appelliert: „Wir brauchen Sie“ — eine Stiftung etwa könne schon mit geringen Beiträgen Einzelner viel bewirken.

Was bedeuten nun die Vorschläge, die Wilfried Simon — er ist in der Friedrichsthaler Lidl-Niederlassung verantwortlich für die Völklinger Pläne des Unternehmens — am Vormittag unterbreitet hatte? Bei der „großen Lösung“, das berichten übereinstimmend Völklingens Oberbürgermeister Hans Netzer und Rainer Grün, Staatssekretär im Umweltministerium, gäbe Lidl den geplanten Markt-Standort am „Alten Brühl“ auf; das Handelsunternehmen wäre bereit, das Grundstücksgeschäft mit der Stadt rückgängig zu machen. Dazu habe als dritte Partei auch die Investor-Firma Irus ihr Einverständnis gegeben; Irus hatte der Stadt das Gelände abgekauft und es in Erbpacht — auf 30 Jahre — an Lidl weitergegeben. Dafür müssten der Kaufpreis zurückgezahlt und bisherige Kosten — Architekten-Honorare, Notar-Gebühren und Ähnliches — erstattet werden. Ersatz für entgangenen Gewinn fordern die beiden Firmen nicht, „wir wollen da nichts verdienen“, sagt Lidl-Mann Simon. Aber man könne eben auch kein Geld drauflegen, „ich habe ja ein Unternehmen zu vertreten“.

Was das kostet? Fürs Grundstück erhielt die Stadt ungefähr eine halbe Million Mark, erinnert sich Volker Reitler, SPD-Fraktionschef im Stadtrat. Und wenn es tatsächlich nur um Kaufpreis plus Planungskosten geht, „dann wäre das eine Super-Lösung“ — das, meint Reitler, „muss es der Stadt Völklingen wert sein“. Nachmittags, bei der Führung, ist er — wie am Morgen schon Netzer — skeptischer: Es könne sein, dass doch noch mehr Geld dranhänge, falls bereits Bau-Aufträge an Drittfirmen erteilt seien. Man müsse rechnen. Zusammen mit dem Land, sagt Netzer, es gebe ja Folgekosten; wer zahle für die Ausgrabung und später für die Erhaltung und Präsentation der Funde? „Wir“, erwidert Lüth lächelnd. Und auch von Umwelt-Staatssekretär Grün war zu hören, das Land sei durchaus bereit, Grabung und Präsentation der „alten Kirche“ zu finanzieren. Den Grundstücks-Rückkauf aber müsse die Stadt tragen. Wovon wiederum der Oberbürgermeister — mit Blick auf den defizitären Haushalt — wenig hält.

Und wenn das Geld für den Rück-Erwerb der Fläche nicht zusammenkommt? Dann gibt es noch den zweiten Lidl-Vorschlag: Die Firma wäre bereit, den Markt kleiner und mit weniger Parkplätzen als geplant zu errichten. Dann würden nur die neuzeitlichen Spuren überbaut, die mittelalterlichen Bodendokumente lägen für Forschung und Betrachtung offen. Ein Stück Bahngelände müsste dafür hinzugekauft werden; dabei verspricht das Umweltministerium Unterstützung. Auch mit dieser „kleinen“ Lösung, erklärt Lüth, wäre er durchaus zufrieden.

Die Stadtverordneten aber fühlen sich im Wort: CDU- wie SPD-Fraktion hatten sich dafür ausgesprochen, die Grabungsstätte möglichst ganz von Überbauung frei zu halten. Sozialdemokrat Reitler und Klaus Lorig, der kulturpolitische Sprecher der CDU-Fraktion, versichern einander am Bauzaun: „Wir finden eine Lösung“ — in den nächsten Tagen und Wochen wird man noch viel reden und rechnen. (Weiterer Bericht auf Seite 17.)

• Die Frist für die Ausgrabungen am „Alten Brühl“ wurde bis zum 21. März verlängert.