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Saarbrücker Zeitung, 26./27.05.2001: Karolingern auf der Spur

26/27.5.2001

Karolingern auf der Spur

Wo einst der Kirchturm stand, graben Archäologen und Helfer derzeit in die Tiefe

– Von DORIS DÖPKE –

Vöklingen. „Wir sind wieder da!“, sagt Sabine Donié fröhlich am Telefon: Seit Anfang des Monats werden am „Alten Brühl“ wieder die Spaten geschwungen, die Archäologin und ihr Team holen weitere Mauer-Teile der mittelalterlichen Martinskirche ans Licht. Im April hatten die Grabungsarbeiten Pause – Zeit für das Landeskonservatoramt, die nächste Zukunft der Stätte zu organisieren, Zeit für Grabungsleiterin Sabine Donié, die bisherigen Funde zu sichten und zu dokumentieren. Zeit auch, um noch offene Fragen zu formulieren. Auf die Suche nach Antworten geht Donié jetzt am ältesten Teil der Kirche: Wo einst der Turm stand, graben die Archäologin und ihre Helfer derzeit in die Tiefe. Nicht nur um seines Alters willen hat Donié gerade diesen Teil des Denkmals ausgewählt für die neue Grabungsphase, die bis Ende Juli dauern soll. In allen anderen Bereichen des Geländes waren im Lauf der Jahrhunderte andere Spaten-Schwinger zugange: Mehrfach wurde die Kirche erweitert, mehrmals wurde ihre Südmauer versetzt, und die Bauarbeiten brachten die Lage der historischen Schichten durcheinander. „Gestört“, wie Donié es fachsprachlich nennt, ist der Schichten-Verlauf auch dort, wo einst der Friedhof lag, bei Bestattungen und Umbestattungen wurde gleichfalls der Boden umgekrempelt. Und dann buddelten auf dem Grundstück auch noch Bauarbeiter der Moderne, während der vergangenen Jahrzehnte wurden allerlei Leitungen verlegt – schwierig also für die Forscher, ihre Funde zu datieren. Im Bereich des Turms hingegen blieb der Boden unberührt, hier kann das Grabungsteam sich Schicht um Schicht tiefer in die Vergangenheit vorarbeiten. Bis zurück ins achte Jahrhundert: Aus dieser Zeit, aus der Epoche der Karolinger also, stammen die ältesten Mauerreste nach Doniés Schätzung wohl tatsächlich. Mit den Grabungen geht es nun langsamer voran als noch im März. Der Kleinbagger ist verschwunden, das Ausgrabungsteam arbeitet mit der Hand. „Wir haben ja keine Notgrabungssituation mehr“, sagt Donié: Das Denkmal ist nicht mehr von Überbauung bedroht, kein Zeitdruck mehr, der gröberes Vorgehen erzwänge. Jetzt geht es ums Detail – als sperrigstes Werkzeug liegt eine emaillierte Kehrschaufel bereit, und der Aushub kommt schippenweise ins Sieb, damit kein Kleinteil, keine Münze übersehen wird. Trotz des ruhigeren Tempos wissen Donié und ihre studentischen Helfer schon wieder viel mehr als noch vor wenigen Wochen. Die direkt an den Turm anschließenden Mauern, Ende März noch rätselhaft: Inzwischen ist der Raum freigelegt, zu dem sie gehören. Ein Wohnraum muss es gewesen sein: Eine Herdstelle fand sich, sogar Reste dessen, was vor Jahrhunderten gekocht wurde, „zum ersten Mal sind hier wir auf Tierknochen gestoßen“, erzählt Donié. Und wer auch immer – ungewöhnlich genug – so nah an der Kirche gelebt haben mag, war eines Tages wohl beim Kochen etwas unvorsichtig: Ein Feuer dürfte den Raum zerstört haben, die Ausgräber stießen über dem Kochplatz auf verstürzte, rußgeschwärzte Dachsparren. Keine Ziegel- oder Schieferspuren, also deckten vermutlich Holzschindeln das Dach. Brandgefährlich. „Gebrannt hat es hier überhaupt öfter“, ergänzt die Grabungsleiterin: Auch in der Kirche selbst seien an mehr als einer Stelle Holzkohle-Schichten festzustellen. Und natürlich wurden wieder Bestattungen freigelegt. Viele: Gleich neben der Grube, in der die Archäologen arbeiten, ragen Knochen dicht an dicht aus dem Erdreich, nach Doniés Schätzung „Überreste von mindestens 160 Individuen“ – umgebettet wohl, um auf dem Friedhof neuen Platz zu schaffen. Das Team ist mit Maßbändern und Zeichenbrett am Werk, kartiert zentimetergenau die Lage der Funde, skizziert Schichten-Profile. Kleinfunde? Ja, gab es auch. Etwa Kleidungsreste in einem Einzelgrab, darunter eine Gürtelschnalle „noch mit einem Stück Leder dran“. Oder Münzen. Keine spektakulären Schätze, Donié lächelt: „Wir graben hier ja keine Königspfalz aus, und die Kirche ist nicht der Paderborner Dom.“ Aber für das Mosaik der frühesten Völklinger Geschichte kommen immer mehr Steine zutage. Und wie geht es weiter mit dem Denkmal? Dazu gibt es im Moment noch nichts Neues, sagt Landeskonservator Johann Peter Lüth. Auf jeden Fall will er im Juni oder Juli, vor Abschluss der aktuellen Grabung, wieder Fachleute einladen zu einem interdisziplinären Kolloquium. Und diesmal soll es nicht nur um wissenschaftliche Fragen gehen, sondern auch um die Gestaltung des Ortes: Experten-Rat für die Zukunft der alten Martinskirche. Konkrete Pläne schmieden aber will Lüth dann erst zusammen mit der Stadt und ihren Bürgern.