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Saarbrücker Zeitung, 10./11.02.2001: Funde am „Alten Brühl“: Ohne Geschichte keine Zukunft

Funde am „Alten Brühl“: Ohne Geschichte keine Zukunft

Eine Stadt entdeckt ihr Gesicht

VON DORIS DÖPKE

Zum Lachen wäre es, wenn es nicht traurig wäre. Da ist eine Stadt, die sich mehr als 1000-jähriger Geschichte rühmt und stolz darauf verweist, dass sie – und nicht ihre heute viel größere und bedeutendere Nachbarin – einst Sitz einer Landesregierung, pardon: eines Königshofs war. Da gibt es kluge Bücher, in denen kluge Köpfe aufschrieben, was sie in Archiven fanden: alte Urkunden, Notizen von Stadt-Bürgern früherer Jahrhunderte, Ausgrabungs-Berichte, Bilder. Da gibt es ein Gelände, auf dem einst gleichsam die Wiege der Stadt stand. Dann aber gibt es plötzlich Pläne, an jenem einzigartigen Ort etwas zu bauen, das gar nicht einzigartig ist: einen Supermarkt. Eine Lachnummer aus Schilda. Oder ein Trauerspiel, mit Ignoranz und Schludrigkeit in den Hauptrollen. Gewiss, Völklingen muss dringend in die Zukunft schauen, mit nostalgischem Sinnieren über gute alte Zeiten hat sich die Stadt schon zu lange beschäftigt. Doch an die Zukunft zu denken, heißt gerade nicht, die Vergangenheit einfach ad acta zu legen: Wer der Zukunft zugewandt leben will, muss wissen, wer er ist und woher er kommt. Nur wer seine Wurzeln kennt, kann seine künftigen Möglichkeiten begreifen und nutzen – das gilt für Menschen wie für Städte.

Völklingen hat ein gespaltenes Verhältnis zu seiner Geschichte. Nur widerwillig akzeptierten viele, dass die Alte Hütte erhalten blieb; das heutige Denkmal ist Symbol nicht nur für Glanz, sondern auch für Elend der Stadt. Leichten Herzens trennte man sich in den 70er Jahren einem „modernen“ Stadtbild zuliebe von Gründerzeit-Straßenzeilen. Allzu großzügig ließ man um vermeintlicher wirtschaftlicher Vorteile willen Schuhschachtel-Architektur an der Stelle weniger „nützlicher“ historischer Ensembles zu. Jetzt aber suchen Stadtplanung und -entwicklung neue Wege. Und auch aus der Sicht der Völklinger ist das lange gering geschätzte Alte im Kurs gestiegen; die Alte Hütte, Weltkulturerbe – nicht mehr Last, sondern Zukunftschance; die Jugendstilhäuser in der Innenstadt – nicht mehr „unmodern“, sondern liebenswert. Die mittelalterlichen Funde am „Alten Brühl“, von vielen Bürgern besucht und bestaunt, kommen da zur rechten Zeit: Eine Stadt entdeckt selbstbewusst ihr Gesicht. Darum braucht Völklingen die eindrucksvollen Zeugnisse seiner frühesten Vergangenheit. Um die „Geburtsurkunde“ der Stadt zu erhalten, sichtbar und zugänglich, müssen Politiker und Bürger alles nur Mögliche tun. Noch viel mehr Druck aus Rat und Öffentlichkeit tut Not, damit Firmen wie Lidl und Saarstahl sich zu Zugeständnissen bequemen – Zugeständnisse, die die Unternehmen ehren würden. Öffentlicher Druck fürs Vergangene, auch mit Blick auf die Zukunft: damit sich eine Pannen-Kette wie beim „Alten Brühl“ nicht wiederholt.