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Saarbrücker Zeitung, 10./11.02.2001 : Kompromiss für die Geschichte

Kompromiss für die Geschichte

Rollen „Im Alten Brühl“ bald Bau-Bagger? – Appelle und Entwürfe, um Zeugnisse des mittelalterlichen Völklingen zu erhalten

Völklingen. (dd). Es hat was von Schatzgräberei, was sich derzeit tut hinterm Bauzaun „Im Alten Brühl“ – täglich fördert das Team von Archäologen und Helfern, das dort im Auftrag des Landeskonservatoramtes die Überreste der ältesten Völklinger Bauten freilegt, Neues ans Licht. Meterdicke Gebäude-Fundamente aus derb behauenen Steinen. Gräber. Fußbodenplatten. Münzen. Steinerne Bänke. Sarkophag-Teile. Jüngste Entdeckung: Mauern, in keinem Stadtplan verzeichnet. Alt sind sie, diese Mauern, sehr alt; der Mörtel erlaubt es, den brandneuen alten „Schatz“ mit anderen betagten Mauern in Zusammenhang zu bringen, mit den Turm-Resten der mittelalterlichen Völklinger Martinskirche nämlich – 12. Jahrhundert oder früher. Zeitliche Zusammenhänge. Welcher Funktions-Zusammenhang zwischen Kirchturm und aktuellen Mauerfunden besteht, darüber rätseln die Archäologen noch. Und hoffen, im Fortgang der Grabung Antworten zu finden auf die offenen Fragen, die sich mit jedem Tag, jedem Fund neu ergeben.

Auf eine Frage aber, die entscheidende, lässt sich keine Antwort finden unter dem Plastikzelt, das Archäologen und Helfer beim vorsichtigen Werkeln mit Spaten, Besen und winzigen Maurerkellen vorm Regen schützt: Wie lange können die Forscher noch Völklingens Ursprüngen nachspüren? Am 28. Februar, so die Rechtslage, müssen sie das Feld räumen. Am 1. März sollen Bagger anrollen, die Firma Lidl will am Alten Brühl einen Supermarkt bauen. Würde die Baugenehmigung vollzogen, blieben die „Schätze“ im Boden zwar (fast) intakt, doch der Neubau würde sie überdecken. Eine „archäologische Bibliothek“, so nannte das Presbyterium der evangelischen Versöhnungskirche, deren Vorgänger-Bau am Alten Brühl stand, die Fundstätte. Doch niemand könnte sie lesen; auf Jahrzehnte hinaus hätten zu dem Ort, der – nach den Worten von Landeskonservator Johann Peter Lüth – Völklingens „Geburts- und Taufurkunde“ birgt, weder Wissenschaftler noch Bürger Zugang.

Dagegen mehren sich die Proteste. Und je mehr Funde ans Licht kommen, je wahrscheinlicher es wird, dass gründliche Forschungen noch weit ältere Zeit-Zeugnisse zutage fördern könnten, desto lauter wird die Forderung, den geschichtsträchtigen Platz zu erhalten und öffentlich zugänglich zu machen. In seltener parteiübergreifender Einigkeit haben die beiden Fraktionen im Stadtrat in einem gemeinsamen Brief, stellvertretend unterzeichnet von Klaus Lorig (CDU) und Margot Diener (SPD), die Firma Lidl dringlich gebeten, auf den geplanten Bau an jener Stelle zu verzichten. In dem Schreiben betonen sie, dass der Stadt Völklingen – gerade angesichts der noch nicht verheilten „Wunden, die der Rückzug der Montanindustrie geschlagen hat“ – aus ihrer Geschichte „besondere Identität und besonderer Aufmerksamkeitswert“ erwachse. Nicht nur aus der Industriegeschichte der letzten 150 Jahre: Völklingen, eine der ältesten Ortschaften im Saarland, blicke zurück auf mehr als 1000-jährige Vergangenheit, „die bisher durchgeführten Grabungen am ,Alten Brühl“ stellen insofern eine Sensation dar“, eine Überbauung der Funde „kann deshalb nicht hingenommen werden“. Die Brief-Autoren wünschen sich, das in unmittelbarer Nähe zum Weltkulturerbe gelegene Grabungs-Gelände für Besucher zu erschließen, mit einem Park oder einem Museum – als Beitrag zur Stadtentwicklung.

Schließlich eine Mahnung an Lidl: Image-Schaden für die Firma werde entstehen, „wenn Sie den Völklingern dieses wertvolle Zeugnis ihrer Vergangenheit wegnehmen würden“, Image-Gewinn hingegen könne das Unternehmen durch Großzügigkeit gegenüber dem Denkmal erwarten. Und ganz am Ende Selbstkritik der Stadtverordneten: „Wir . . . hätten diesem Bebauungsplan nie unsere Zustimmung erteilt, wäre uns die historische Bedeutung des ,Alten Brühl“ bei der Beschlussfassung bewusst gewesen.“ Nun wird fieberhaft gesucht, wie widerstreitende Interessen in Einklang zu bringen wären: „Lidl“ will einen Neubau; eine Projektfirma, Grundstückseigentümerin und Bauherrin, will das Gelände vermarkten; Bürger, Stadtrat und Denkmalschützer wollen den historischen Ort erforschen und zugänglich machen. Ein Ersatz-Grundstück? Die Nachbar-Flächen gehören Saarstahl, von dort kam ein „Nein“: Man brauche das Gelände selbst. Umplanen, damit Lidl bauen kann und doch die Fundstätte intakt bleibt? Landeskonservator Lüth zeichnete (eine Plan-Variante siehe oben), doch andere Beteiligte haben Einwände: Nicht genug Parkplätze, zu große Nähe der Bauten zu wichtigen Versorgungsleitungen – ein tragfähiger Kompromiss ist noch immer nicht in Sicht.