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Saarbrücker Zeitung, 29.01.2001: Landeskonservator: „Alle haben geschlafen“

Landeskonservator: „Alle haben geschlafen“

– von Doris Döpke –

Völklingen (dd). Ein Stuhl blieb leer auf dem Podium des „Bürgerforums“ über die historischen Funde am Alten Brühl, zu dem die Völklinger Versöhnungskirchen-Gemeinde am Freitag ins Martin-Luther-Haus eingeladen hatte. Der Amateur-Historiker Jürgen Boldorf, dessen Forschungen und für die „SZ“ verfassten Artikel die Debatte um die mittelalterlichen Reste der ältesten Völklinger Kirche in Gang gebracht hatten, bekomme sein Auto nicht immer in Gang damit entschuldigte Pfarrer Dr. Andreas Hämer, Gastgeber und Moderator der Diskussion, den fehlenden Podiumsgast. Und verfocht dann selbst Boldorfs Position mit: „Wie kann eine Stadt, die stolz ist aufs Weltkulturerbe, es sich leisten, das zu ignorieren, was noch viel älter ist?“ Rhetorische Frage. Nein, das kann und darf die Stadt nicht: Darüber waren sich Podiumsteilnehmer und die rund 40 Mit-diskutierer im Saal weitgehend einig.
Ordnungsamtsleiterin Christina Hennrich hatte da eine undankbare Rolle. Als Vertreterin der Stadt musste sie die juristische Seite der Sache erläutern: Rechtlich kann die Stadt den Plänen der Firma Lidl, genau dort zu bauen, wo derzeit nach den Resten der alten Martinskirche gegraben wird, nichts entgegensetzen, es gibt eine gültige Baugenehmigung. Keine Fehlentscheidung der Stadtverwaltung, legte sie sachlich und überzeugend dar; niemand „weder Stadtrat noch Kirchengemeinde noch Landes-konservatoramt“ hatte Einspruch erhoben gegen das Projekt, es gab keinen Grund, die Baugenehmigung zu versagen. Landeskonservator Johann Peter Lüth sagte es drastischer: „Alle haben geschlafen.“ Mit der Folge, dass, wenn nicht noch ein kleines Wunder geschieht, die im Boden ruhende „archäologische Bibliothek“ (eine Formulierung des Prähistorikers und Kirchen-Presbyters Peter Buwen) wohl durch den Markt-Bau versiegelt wird (wir berichteten). Das „Wunder“ wäre ein Grundstücks-Tausch, der Lidl einen Bau auf weniger geschichtsträchtigem Grund, den Forschem die Weiterarbeit an der Fundstätte und den Völklingern das Kennenlernen der „Geburts- und Taufurkunde“ (Lüth) ihrer Stadt und damit mehr Wissen über die eigene Identität erlauben würde. Da aber sind die Chancen gesunken: Saarstahl, so berichteten übereinstimmend Hennrich und der CDU-Stadtverordnete Klaus Long, sei Besitzer der für Lidl am besten geeigneten Fläche an der gegenüberliegenden Straßenseite und habe Tausch-Anfragen energisch zurückgewiesen, da für die Firma dieses Gelände – Lorig liest aus dem Brief vor – „wegen der unmittelbaren Nähe zum Stahlwerk als eventuelles Erweiterungsgelände absolut betriebsnotwendig“ sei. Ungläubiges, unwilliges Raunen, „das sagen die doch immer!“ Unwille auch gegenüber Lidl, noch einen Verbrauchermarkt brauche man nicht. Schon gar nicht an jenem Platz: „Wie sollen wir bei einem Geschäft einkaufen, das unsere Identität zerstört?“, fragte Lorig. Und gab schlitzohrig bekannt, dass der Kulturaussschuss des Stadtrates am Dienstag, 17 Uhr, die Grabung besichtigen werde; nichtöffentlich zwar, aber letztlich doch öffentlich, „wir können uns auf dem Gelände ja nicht unsichtbar machen“. Der Grüne Paul Ganster hingegen dachte laut nach über ein förmliches „Bürgerbegehren“ und eine nachfolgende „Bürgerbefragung“. Und er will nun mit Pfarrer Hämer eine Bürgerinitiative für die Erhaltung der Fundstätte ins Leben rufen; erstes Treffen ist am Donnerstag, 2. Februar, 19.30 Uhr, im Martin-Luther-Haus (Poststraße 52).