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Die Völklinger Meeresfischzucht – Chronik von saarländischem Meeresfisch

Die Völklinger Meeresfischzucht war ein ehrgeiziges Projekt der Stadtwerke Völklingen und ihren damaligen Partnern. Hier können Sie nun die Geschichte hinter diesem, für die Stadtwerke katastrophal verlaufenen Projektes nachlesen.

Meeresfisch in der Auslage
Meeresfisch in der Auslage

2007:

Die Stadt Völklingen und die RAG einigen sich über die Übernahme der ehemaligen Kokereiflächen durch die Kommune. Die Stadt beschließt eine Meeresfischzuchtanlage zu bauen und gründet im Dezember die Meeresfischzucht Völklingen GmbH (MFV).2008:

Im Mai stimmt der Stadtrat dem Bau der Anlage zu. Die Stadt Völklingen ist über ihre Stadtwerke mit knapp 90% an der Fischzucht beteiligt, 10,1 Prozent übernimmt die private International Fish Farming Technology GmbH (IFFT). Kostenvoranschlag für Bau und Inbetriebnahme: Zwölf Millionen Euro

Im August des selben Jahres wird die Völklinger Meeresfischzucht Thema im Landtag des Saarlandes. Um als Stadtwerke als (Mit-)Betreiber der Anlage fungieren zu können muss das Kommunalgesetz geändert werden. Nach einer Debatte im August beschließt man Städten und Gemeinden mehr Möglichkeiten einzuräumen, sich wirtschaftlich zu betätigen und ebnet so den Weg für die Stadt Völklingen.

2009:

Ähnliche Anlagen sollen bereits insolvent gegangen sein, berichtet anlässlich des Richtfestes des Anlagenbaus der Meeres- und Fischereibiologe, Dr. Manfred Klinkhardt, gegenüber den Medien.

Wir schreiben November. Eigentlich sollten bereits Dorade, Wolfsbarsch und Stör in der Meeresfischzuchtanlage in Völklingen gezüchtet werden, doch die Finanzierung bereitet Probleme. Auch gegen Massentierhaltung werden Stimmen laut, die zudem an der Wirtschaftlichkeit der Anlage zweifeln.

2010:

Die Anlage steht zum ersten Mal zum Verkauf. Seit April 2009 bewegt sich auf der Baustelle nichts mehr. Ein Verkauf stellt für die beiden Gesellschafter die beste Lösung dar. Klaus Degen, Fraktionsvorsitzender der Linken im Völklinger Stadtrat, fordert eine sofortige Schließung der Anlage.


Im Mai erhält die Stadtwerke Völklingen durch einen Beschluss des Stadtrates eine Millionenbürgschaft, der genaue Wert: Drei Millionen Euro. Damit wird die MFZ bereits vor der Insolvenz bewahrt. Die Stadtwerke hatten bis 2013 eine Finanzierungslücke von rund 8,5 Millionen Euro.

Es sind gerade zwei Monate vergangen nachdem die Fischzucht das erste Mal finanziell unterstützt wurde, nun tritt ein unbekanntes Geldinstitut ein und schießt eine weitere Millionen als Finanzspritze zu. Dieses Geld soll dazu verwendet werden die Technik einzubauen, die zur Zucht der Tiere notwendig ist. Optimistisch heißt es laut Informationen des Saarländischen Rundfunks damals: „In drei bis vier Monaten soll es soweit sein, dass die Firma ihren Betrieb aufnehmen kann.“

Hier wird der SR zitiert:

Der Optimismus setzt sich auch im August weiter fort. Nach Monaten des Streits zwischen dem Minderheitsgesellschafter IFFT und der MFV glätten sich die Wogen langsam. Rechnungen werden gezahlt, der Insolvenzantrag der IFFT zurückgezogen, die Finanzierungslücke von einer Million Euro geschlossen. Der Oberbürgermeister der Stadt Völklingen damals: „Das ist kein Scherz zur Vorwahlzeit – die Anlage wird Ende des Jahres definitiv fertig sein.“

Im November gibt es dann einen Rückschlag: Es gibt neuen Ärger zwischen der IFFT und der MFZ, was zur Kündigung des Vertrages durch die IFFT führt. Grund sollen nicht getätigte Zahlungen von Seiten der Stadtwerke sein, was diese allerdings dementiert und selbst als Generalunternehmer einzutreten. Die Suche nach Investoren startet in Eigenregie. Die Fische, die im Dezember einziehen sollten, kommen erst im März.

2011:

200.000 Euro kosten die 10,1 % der Anteile, die die inzwischen insolvente IFFT der Stadtwerketochter verkauft. Der Einzug der Fische verzögert sich erneut.

Im Dezember wird klar: 2011 wird es nichts mehr mit Völklinger Meeresfisch: Die ambitionierten Zeitplanungen des Völklinger Oberbürgermeisters Klaus Lorig verzögert ein Diebstahl. Das Hauptstromkabel wird gestohlen und verzögert so wieder die Arbeiten: Neuer Termin: Erstes Quatal 2012.

2012:

Endlich wird weiter gebaut: „Technische Schwierigkeiten“ verhinderten eine Eröffnung bis Juni, außerdem ist der Vertriebspartner Alaska-Fisch insolvent. Immerhin wurde weiter gebaut, die Hoffnung: Bis Ende 2012 soll es endlich Völklinger Meeresfisch geben.
Weiterer Optimismus macht sich im Oktober breit: Zum Jahreswechsel sollen die Fische in die Becken. Zwei Jahre nach der ursprünglichen Planung, auch die Kosten liegen acht Prozent über dem Ursprünglichen Limit. Verkaufsstart soll Weihnachten 2013 sein, 2015 sind erste Gewinne im Visier der Verantworlichen.

2013:

Im Januar kommen sie tatsächlich in Völklingen an: 4.000 kleine Störe und 90.000 Wolfsbarsche beziehen ihr neues und gleichzeitig letztes Zuhause. Insgesamt sollen auf dem ehemaligen Kokereigelände 500 Tonnen Meeresfisch produziert werden. Was viele nicht verstehen: Warum heißt die Anlage FischZUCHT, wenn man lebende Fische einkauft und mästet?

Im Oktober gibt es weitere Hoffnung: Investoren werden angekündigt. 60% der Anteile sollen verkauft werden: 10,1 Prozent will die Neomar GmbH übernehmen, 25,1 Prozent jeweills die Firmen Sawa und Ocean Swiss Alpine Seafood. Der Stadtrat stimmt im Dezember dem Verkauf zu, ein Erlös von sechs Millionen Euro soll die klammen Kassen wieder etwas auffüllen.

2014:

Es bleibt bei Ankündigungen: Verträge werden nicht unterschrieben, auch die Verarbeitung des inzwischen in Völklinger Meereswasser schwimmenden Fischs ist noch nicht geregelt. Die vereinbarten Ziele werden nicht eingehalten, was Geschäftsführer Jochen Dahm immer weiter ins Licht der Kritik rücken lässt. Die Fische können ohne Weiterverarbeitung nicht geerntet werden.

Ostern 2014: Endlich ist es soweit! Zu Ostern soll es Völklinger Meeresfisch geben. Die Anteile sind allerdings noch immer nicht verkauft.

Frischen Fisch gibt es in Völklingen ab Werk
Frischen Fisch gibt es in Völklingen ab Werk

Im April startet der Verkauf wirklich: Zwei Jahre nach dem Einzug der Fische, drei Jahre nach Plan. Völklinger Dorade und Wolfsbarsch werden überregional für ihre Qualität gelobt.


Die Fischzucht hat einen ersten Erfolg: Nominierung und Platzierung der neomar GmbH und damit auch die Völklinger Meeresfischzuchtanlage unter den besten Drei beim Deutschen Innovationspreis 2014 in der Kategorie „Start-up Unternehmen“.

Mai: Der Geschäftsführer der Stadtwerke-Dachgesellschaft sowie der Meeresfischzuchtanlage, Dahm, soll mehrfach gegen Verträge der Gesellschaften verstoßen haben. Nun wird geprüft, ob er entlassen oder beurlaubt werden kann.

Es sind zwei Monate seit dem Verkaufsstart vergangen, doch eben dieser stockt. Kaum jemand will den Völklinger Meeresfisch. Kritiker fühlen sich im Recht. Der Investor Sawa springt entgültig ab.

Finanziell geht die Meeresfischzucht unter. Der Völklinger Oberbürgermeister Lorig bestätigt im Juni dem SR, dass der Aufsichtsrat die Aufnahme eines Darlehens in Höhe von 1,5 Millionen Euro beschlossen habe.
Im September legt Dahm den Aufsichtsräten den Wirtschaftsplan der Fischzucht vor: Drei Millionen Verluste hat er eingeplant. Nur einen Monat später stellt der Steuerzahlerbund fest: Die MFZ ist eine „glatte Fehlinvestition“! Seit 2008 kommt die Völklinger Anlage nicht aus der Kritik.

Jochen Dahm (CDU) – Foto: A.Hell
Jochen Dahm (CDU) – Foto: A.Hell

Im Oktober wird Dahm gekündigt. Mit sofortiger Wirkung wird er von seinen Verpflichtungen entbunden, der Völklinger Bürgermeister Wolfgang Bintz übernimmt vorübergehend den Posten.
Fast gleichzeitig wird publik: Innerhalb von einem Jahr sollen rund 30 Prozent der gehaltenen Störe in der Völklinger Fischzucht verendet sein. Das Umweltministerium untersucht den Vorfall und stellt eine Viruserkrankung als Ursache fest, die von Jungfischen eingeschleppt wurde.

Der Oktober wird zum bisher schwärzesten Monat der Fischzuchtgeschichte: Die neue Geschäftsführung der Stadtwerke-Holding stellt binnen weniger Tage schwerwiegende finanzielle Probleme fest. In internen Papieren soll von bis zu 11,5 Millionen fehlenden Euro die Rede sein, die bis Ende 2015 anfallen. Rund dreiviertel davon fallen auf die Fischzucht zurück.
Der Völklinger Stadtrat beschließt in letzter Minute ein Rettungspaket: Das Angeschlagene Zuchtunternehmen soll mit einem Millionenkredit bis März 2015 vor der Insolvenz bewahrt werden.
Im November wird ein Interimschef vorgestellt, dieser soll den Völklinger Fisch endlich Verkaufen. Inzwischen handelt es sich bei der Fischzucht im ein Skandalprojekt: Auch ein Prokurist muss im Dezember gehen. Ein in Auftrag gegebenes Gutachten über den Zustand der Völklinger Stadtwerke und ihrer Tochter MFZ verzögert sich.
Auch Stimmen nach einem Rücktritt des Völklinger Oberbürgermeisters und Aufsichtsratvorsitzenden Lorig werden immer lauter.

2015:

Das Gutachten liegt vor. Es gibt scheinbar nur einen Weg die Anlage mittelfristig Rentabel zu machen: Der Fischbestand muss auf ein bis zwei Arten verringert, und gleichzeitig die Produktion auf mindestens 700 Tonnen im Jahr erhöht werden, was wiederum auf Kritik der Tierschützer stößt.
Zahlreiche Fehler werden der bisherigen Geschäftsführung durch das Gutachten belegt.
Zwar kann die Anlage 2016 im Idealfall schwarze Zahlen schreiben, allerdings sind dazu bis Ende 2017 weitere 12 Millionen Euro fällig.

 

Unter den Mitarbeitern der Stadtwerke macht sich Angst um ihre Arbeitsplätze breit. Die hoch verschuldete Gesellschaft der Fischzucht gefährtet die gesamte Holding. Der Gesamtbetriebsrat ruft zu einer Demonstration auf.

Im Februar schließen Gutachter und Geschäftsführung eine Insolvenz der MFZ bei der Sanierung der städtischen Gesellschaften aus. Der Stadtrat muss zeitnah entscheiden ob und wann die Meeresfischzucht verkauft wird. Dies tut er auch: Bis Ende März soll die Anlage verkauft werden. Laut Oberbürgermeister gibt es 13 Interessenten, die nun in einem ambitionierten Verfahren Angebote abgeben sollen.

Oberbürgermeister Klaus Lorig (Foto: Stadt)
Oberbürgermeister Klaus Lorig (Foto: Stadt)

Die Linke im Völklinger Stadtrat fordert beim Ministerium für Inneres und Sport die unverzügliche Einleitung eines Disziplinarverfahrens gegen den Oberbürgermeister und Stadtwerke Aufsichtsratvorsitzenden Klaus Lorig: Durch ihn seien finanzielle Schäden für die Mittelstadt Völklingen entstanden. Außerdem habe er durch schwere Dienstvergehen jegliches Vertrauen endgültig verloren. Der OB erwiedert gegenüber der Saarbrücker Zeitung: Er stehe dem Verfahren „sehr gelassen“ gegenüber, er stelle sich nur einem Abwahlverfahren durch die Bürger.

Der Ortsrat des Gemeindebezirks Völklingen zeigt sich in einer Resulution mit den Stadtwerke Mitarbeitern solidarisch.

März: Die Fischzucht bekommt bis Ende Juni eine Galgenfrist: Der Völklinger Stadtrat entscheidet mit der Mehrheit von Rot-Rot-Grün die Fischzucht erst ab Juli abzuwickeln, die Hoffnung auf einen privaten Investor ist im Stadtrat noch am Leben, denn bisher gab es nur unannehmbare Angebote. Kommt kein Käufer soll endgültig liquidiert werden. Dazu will man neue Kredite beantragen und die noch vorhandenen 180 Tonnen Fisch bis zum Stichtag abverkaufen.

Doch diese Galgenfrist hat ihre Schattenseiten: Die Stadtwerke der Stadt Völklingen steht durch das Verlustgeschäft kurz vor der Zahlungsunfähigkeit. Nur neue Kredite können der Stadtwerke wieder auf die Beine helfen.

Eines ist inzwischen allen klar: Eine kommunale Meeresfischzucht an der Saar war ein Fehler. SPD und Linke fordern den Rücktritt des Oberbürgermeisters (CDU), dessen Parteifreund Rabel gar Überforderung eingesteht. Die Linksfraktion im Landtag geht sogar weiter, Heinz Bierbaum sagte lt. SR-Informationen, die Verantwortlichen der CDU in Stadt und Land hätten alle Bedenken in den Wind geschlagen und stur am Millionengrab Fischzuchtanlage festgehalten. Damit hätten sie die Stadtwerke in Gefahr gebracht. „Es wird Zeit, dass sie ihre Verantwortung an dem Desaster zugeben und zurücktreten“, so Bierbaum. Der Schaden für die Steuerzahler sei immens. Die SPD im Landtag stimmt zu: Oberbürgermeister Klaus Lorig müsse die Verantwortung übernehmen. „Er machte die Anlage zu seinem Zukunftsthema und deshalb ist ihr Scheitern auch sein Scheitern, das es offen auszusprechen gilt“, sagte die Abgeordnete Christiane Blatt. Sie kritisierte auch, dass Lorig sich nun zunächst in den Urlaub verabschiede, statt bis zum letzten Tag „alle zu kontaktieren, die noch etwas tun können“.

August: Eigentümerwechsel
Peter Zeller aus der Schweiz übernimmt für 2 Millionen Euro. Die „Fresh Völklingen GmbH“ führt die Geschäfte und züchtet ab jetzt den Völklinger Fisch. Das Angebot wird nicht geändert, Abnehmer haben die Investoren auch schon in der Hinterhand. Auch eine Kaufoption für ein Nachbargrundstück haben die neuen Züchter in die Hand – man will expandieren.

November: Die fangfrischen Meeresfische aus Völklingen sind weiter auf dem Markt. Auch nach dem Eigentümerwechsel können die Fische gekauft werden: Online vorbestellen, einen Tag später an der Zucht-Anlage abholen. 4 bis 5 Tonnen werden aktuell pro Monat geerntet berichtet Geschäftsführer Zeller gegenüber dem SR. Diese sollen aber auf 10 bis 12 hochgefahren werden.

2016:

März: Die Stadtwerke Völklingen arbeitet Klagen gegen ihre ehemaligen Geschäftsführer auf Schadensersatz vor. Diese müssen bis spätestens 10. April eingereicht werden.

Der Sitz der Stadtwerke Völklingen (Foto: Hell)
Der Sitz der Stadtwerke Völklingen (Foto: Hell)

April: Die Bild-Zeitung berichtet unter der Überschrift „Schweizer lässt die Fische fliegen“ über Pläne des schweizer Investors eine zweite Zuchthalle zu bauen. Peter Zeller plant ab 2018 mit Gewinn. Im Gegensatz zu den Managern der Stadtwerke erreicht Zeller seinen Markt, der Mar­ke­ting­ma­na­ger wird von der Bild wie folgt zitiert: „Wir sind sehr zu­frie­den mit der Ent­wick­lung des Ge­schäfts und der An­la­ge.“ Runde 5 Tonnen frischen Fisch soll der Schweizer überwiegend nach Luxemburg, in die Schweiz und an die SB-Warenhaus-Kette „Globus“ verkaufen. Ziel 2017: 10 bis 20 Tonnen.